Mont Ventoux 2018 - Schön wird es erst, wenn alles vorbei ist

Autor

Andreas Herrmann

Datum

21.04.2018

Freiburg/Breisgau, fünf Uhr früh. Mitten in der Nacht. Wir radeln los. Gegenwind ab Kilometer Null. Dazu Feuchtigkeit von unten und von der Seite. Noch nicht von oben. Mit mir vier Dutzend andere Irre, die Ende März 615 Kilometer von Freiburg nach Nyons in der Provence strampeln wollen. In maximal 40 Stunden.

Pausen kann man machen, wie und wo man will. Normalerweise kann man locker eine mehrstündige Schlafpause rausfahren. Mit einer solchen Planung im Hinterkopf werden wohl auch die meisten losgeprescht sein. Ich auch. Die erste Hälfte der Strecke ist ziemlich flach, es sollte also möglich sein, ein richtig fettes Zeitpolster für die Nacht anzusammeln. Pfeifendeckel!

BRM600 2018Schon kurz nach Freiburg zerlegen der Wind, die Dunkelheit und die Frage „Radweg ja/nein?“ unsere Gruppe in viele Grüppchen. Kurz verliere ich kurz meinen Kompagnon Armin, mit dem zusammen ich diesen Ausflug bestreiten werde. Wir sortieren uns neu und nach einem kurzen Verfahrer grooven wir uns auf eine unterirdische Geschwindigkeit ein. Der Gegenwind macht uns bereits nach 30 Kilometern richtig zu schaffen. Ich bin so saumüde, dass ich mich am liebsten schon vor dem Rheinübergang in eins der verlockenden, feuchten Blumenbeete am Straßenrand geschmissen hätte.

Wir eiern weiter und erreichen in Mulhouse den Rhein-Rhône-Kanal, der unseren Radweg die nächsten 160 Kilometer begleiten wird. Nach und nach wird aus der Armin‘schen „auffrischenden Feuchtigkeit“ ein veritabler Dauerregen. An den könnte man sich ja irgendwie gewöhnen, aber der wahre Feind ist der Wind. Er scheint immer frontal von vorne zu kommen und bremst uns auf Geschwindigkeiten unter 20 km/h herunter. Eigentlich fährt man hier nen 30er. Oder mehr. So gehen sämtliche Hochrechnungen zum Teufel und mir wird klar, dass es eine „interessante“ Nacht geben wird.

BRM600 2018Da ich zum Frühstück nur eine trockene Brezel hatte, werde ich richtig hungrig. Ich hoffe auf Montbéliard, ich hoffe auf Baume-les-Dames, doch leider meidet der Radweg die Ortskerne und ich merke, dass mir der Sprit ausgeht. Irgendwann, kurz vor Besanҫon findet sich ein Café/Restaurant/Krämerladen, das von Leidensgenossen schon kräftig frequentiert wurde, wie unschwer an den versifften Polstern der Stühle und dem unsäglichen Matsch-Wasser-Gemisch auf dem Boden zu erkennen ist. Café au Lait, ein Schinken-Käse-Baguette und Unmengen Süßigkeiten füllen den Tank wieder ausreichend auf.

Die Durchfahrt von Besanҫon wäre eigentlich wirklich spektakulär. Der Kanal und der Radweg unterqueren in einem 300 Meter langen Tunnel die riesige Feste, die 200 Meter über uns auf einem Felsen thront. Mich interessiert aber nur die mögliche Verpflegung an der ersten Kontrolle, einem idyllisch zwischen dem Fluß Doubs und dem Felsen klebenden Radladen. Der saunette und topfitte Eigentümer verteilt aber nur Stempel und Wasser. Außer ein paar aufmunternden Worten für die aufgeweichte Seele gibt es sonst nix.

BRM600 2018Wir kurbeln demütig in der verwaschenen grau-grünen Landschaft weiter, die vermutlich bei besserem Wetter wirklich hübsch wäre. Jedenfalls hat mir das einer der Organisatoren hinterher anvertraut. Uns ist das wurscht, denn der Regen wird immer heftiger und es gibt immer weniger zu sehen. Eine Weile lang unterhalte ich mich mit Philip, einem Mitfahrer, den ich schon von früheren Ausflügen kenne, aber als Armins Speichen einer gründlichen Nachjustierung bedürfen, sind wir wieder allein zu zweit mit dem Regen.

Gott sei Dank ist ein Teil meines Gehirns für die Perlen der Pophistorie reserviert. So kommt mir ein Song von den Ärzten in den Sinn: „Immer mitten in die Fresse rein“. Passt perfekt. Der Dreckswind jagt uns das Regenwasser vermischt mit Dreck direkt ins Gesicht. Nervtötend! Bis zur nächsten Kontrolle bei 285 Kilometern ist dieser Ohrwurm mein ständiger Begleiter. „Against the wind“ von Bob Seeger war irgendwie zu schlapp und wurde schnell wieder aus der Hirndisko verbannt.

Wir verlassen den Doubs und seinen Begleiter, den Kanal. Nun kommen so langsam die ersten Hügel, die etwas Wärme in die durchgefrorenen Glieder bringen. Nach einem Stopp bei einem Dorfbäcker fahre ich kurz vor, um in einem Wald mein überflüssiges Regenwasser abzulassen. BRM600 2018Leider verpasse ich eine entscheidende Abzweigung und haste nun panisch zurück und hinter Armin her, den ich unter keinen Umständen verlieren will. Clever, wie er ist, wartet er nach ein paar Kilometern und mein Puls beruhigt sich wieder. Alleine durch eine Regennacht zu fahren, ist Höchststrafe!

Es dämmert und wir nähern uns unserem nächsten Etappenziel: Lons-le Saunier, Kilometer 285. Die Stadt begrüßt uns mit einem weiteren Regenguss und einem hell erleuchteten „Grill“ am Ortseingang. Wie wir später erfahren, tummeln sich bis zu zwanzig Mitstreiter dort. Da kann sich eine ganz besondere Eigendynamik entwickeln, die Leidensgeschichten steigern sich ins Unendliche und enden darin, dass es halb so wild ist, aufzustecken, wenn das so viele andere auch tun.

Wir wollen unsere Ruhe, fahren weiter ins Zentrum und suchen uns eine Pizzeria, weil wir wissen, dass Nudeln der beste Treibstoff für lange Nächste sind. Es gibt zwar nur Lasagne, außen höllisch heiß und innen noch gefroren, aber dafür darf ich am warmen Heizkörper sitzen, den ich auch länger mal einfach umarme.

Nach einer Dreiviertelstunde sind wir wieder reisebereit, es hat draußen schön weitergeregnet und ich bin gottfroh, dass sofort der erste längere Berg der Strecke folgt. Am Ortsausgang treffen wir unsere schnellen Jungs, die länger Pause gemacht haben. Sie planen an der nächsten Kontrollstelle, etwa 75 Kilometer weiter, für ein paar Stündchen in ein Hotel einzuchecken. Sie bieten uns an, mitzukommen. Ein sehr verlockender Gedanke, aber ich weiß, dass ich meinen Motor nicht für mehr als ein Stündchen herunterfahren sollte, sonst springt er bei diesem Wetter möglicherweise nicht wieder an.

Als wir oben sind, teilt mir Armin mit, dass wir jetzt die nächsten 60 Kilometer mehr oder weniger geradeaus und leicht abschüssig fahren. Zu meiner großen Erleichterung gibt es ein paar kleine Gegenanstiege, die den Körper etwas aufwärmen und die Trostlosigkeit etwas auflockern. So langsam merke ich, dass ich bis aufs Knochenmark friere und bei einer Rast in einem (trockenen!) Bushäuschen ziehe ich mir meine eisernen Reserven an. Am Oberkörper trage ich nun ein Windstopper-Unterhemd, ein langärmliges Wintertrikot, eine Windweste und eine Regenjacke, sowie Armlinge und Winterhandschuhe. Länger als zehn Minuten können wir nicht pausieren, ohne zu zittern. So folge ich Armins Rücklicht und lasse mir eine exquisite Mischung aus Regenwasser und wechselnden Tierexkrementen ins Gesicht spritzen. Aber ich habe ja noch meine Kopf-Jukebox, die munter „I can‘t stand the rain against my window“ von Tina Turner trällert. Tja, Tina, Du alte Hupfdohle, wenn ich ein Fenster hätte, aus dem ich doof rausgucken könnte, wär mir der Regen egal.

BRM600 2018Langsam nähern wir uns Ambérieu-en-Bugey, wo an einem Mc Donald’s die nächste Kontrolle ist. Die Bude macht um ein Uhr nachts zu, was unter normalen Bedingungen problemlos zu machen ist. Plan war es, sich dort die Wampe vollzuschlagen und dann die paar Stunden bis zum Sonnenaufgang frisch gestärkt zu überstehen.

Am Kreisverkehr am Orteingang stehen ein Krankenwagen und eine Gruppe Radler. Jesses Maria, hoffentlich nix passiert! Aber die Jungs lassen sich nur den Weg zum Hotel erklären und schließlich fährt ihnen der Sanka sogar noch voraus. Top Service! Mittlerweile ist es zwei Uhr, der McD liegt völlig verlassen im Regen und wir machen lustlos ein paar Beweisbilder. Zu essen gibt es hier definitiv nichts mehr. Wieder im Sattel, suchen unsere Augen sehnsüchtig nach einem trockenen Plätzchen zum Ausruhen. Im nächsten Kaff rütteln wir an nicht weniger als fünf verschiedenen Eingangstüren von Bankfilialen. Alle hermetisch verschlossen. Ich erwische mich dabei, richtig heftig an einer etwas klapprigen Tür herumzureißen. Vielleicht wird ja über die Kamerüberwachung eine Polizeistreife auf uns aufmerksam und lädt uns in eine trockene und warme Zelle ein. Als wir an einem riesigen, hell erleuchteten Atomkraftwerk vorbeidümpeln, überlege ich ernsthaft beim Pförtner zu klingeln und um Obdach zu betteln.

Meine Wahrnehmung wird dumpf und dumpfer. Ich summe das wunderbare „Suicide is painless“ aus dem Film „MASH“ vor mich hin. Das muss eine der größten Lügen Hollywoods sein. Immer wenn der Kopf nach unten sinken will, schmettere ich der Nässe ein trotziges „Rain, rain - go away, go away“  von Terence Trent d’Arby entgegen. Trotz und Zorn helfen meinem überforderten Körper von Bushäusle zu Bushäusle durchzuhalten. Armin reagiert auf meine halb gemurmelten, halb gekeuchten Pausenanfragen immer sehr aufgeschlossen. Auch er ist richtig fertig.

Französische Bushaltestellen - ein Thema, das einer ausführlicheren Besprechung würdig wäre. Hier nur so viel: Die aus Holz sind meist sehr winddicht und haben großzügige, breite Sitzbänke. Fünf-Sterne-Klasse, aber leider sehr rar und nie zu finden, wenn man sie braucht. Plexiglasbuden sind zugig und haben entweder gar keine, sehr schmale oder gerade ausreichende Sitzgelegenheiten. Auf unseren gut 150 Nachtkilometern besuchen wir alle Typen. Wenn Dir der Kopf immer wieder in Richtung Lenker herunterfällt, kannst Du nicht wählerisch sein. Einmal döse ich im Stehen mit dem Helm gegen die Wand ein paar Minuten und einmal findet sich tatsächlich ein Häusle, das zwei Bänke hat, die breit genug für unsere schwäbischen Landwirtshintern sind. Herrliche fünfzehn Minuten Powernap, bevor ein Zitteranfall sämtliche Plomben im Mund herauszuklappern beginnt. Beim Losrollen denke ich mir, „das ist wieder eine der Sachen, die erst Spaß machen, wenn Sie endlich vorbei sind“.

In der verzweifelt herbeigesehnten Bäckerei in Bourgoin-Jallieu findet diese Nacht schließlich ihr Ende. Genau hier starten endlich die einhundert hügligen Kilometer, die uns zum Kulminationspunkt der Strecke in Leoncel nach 520 Kilometern bringen werden. Wir stopfen Kalorien und Flüssigkeiten in uns rein und starten zu einer eigentlich recht schönen Fahrt durch den französischen Busch. Winzige Weiler, Straßen ohne Verkehr, Straßen mit irre rasenden Bauernkindern am Steuer, Straßen, die immer nass und nie dreckfrei sind.

Mich beschleicht das Gefühl, dass der Regenschalter immer auf der Passhöhe umgelegt wird, so dass wir auf der Abfahrt regelmäßig richtig eingesaut werden. Mein Beine sind schon längst völlig leer und nur meine Erfahrung lässt mich sicher sein, dass wir ankommen werden, ohne in Probleme wegen des Zeitlimits zu kommen. Vor jedem Hügel wird aus dem Lenkertaschenvorrat gevespert. Snickers, Gel, Salz, Mineralien. Aufgeweichte Sandwichreste, Riegel. Diese Taktik bringt uns bis neun Uhr in eine weitere Bäckerei in La-Côte- Saint- André, der wir einen guten Umsatz bescheren. Gestärkt von einer wunderbaren Quiche schaffen wir den letzten Hügelland-Anstieg und auf der Abfahrt sollten wir eigentlich einen tollen Ausblick auf das Vercors haben. Aber es regnet leide

BRM600 2018Am späten Vormittag haben wir körperlich und mental das Schlimmste überstanden. Bei der Überquerung des Isère kommt es mir in den Sinn, wie dankbar ich meinem – schon oft bewährten - Mitfahrer auch diesmal wieder bin. Seine unerschütterliche Ruhe und das Wissen, dass er sowohl in Sachen Navigation als auch der gewählten Reisegeschwindigkeit absolut zuverlässig ist, nehmen mir viel Druck und Sorgen. Wenn ich ohne einen solchen Partner eine derartige Nacht überstehen musste, dann kam ich in der Vergangenheit an meine Grenzen – und darüber hinaus. So bin ich einfach sehr dankbar und freue mich auf den wunderbaren Anstieg hinauf auf das Dach der Tour. Ich schicke Armin vor und ziehe in aller Ruhe mein Winterzeugs aus. Es regnet nicht mehr, ich spüre zum ersten Mal seit gefühlten Jahren warme Luft auf der Haut und bin glücklich. Gemächlich kurble ich die 700 Höhenmeter hinauf und lege wie jedes Mal an einer besonders schönen Aussichtstelle über der Schlucht eine Verpflegungspause ein, der meine restlichen Gummibärchen zum Opfer fallen. Endlich oben angekommen, sitzt Jörg, der Organisator der Münchner Brevets, mit Armin am Tisch. Er klärt schnell telefonisch die Schlüsselübergabe für unser Hotelzimmer in Nyons und nimmt so den letzten Stress aus unserer Tour, denn nun müssen wir nicht schon um 19 Uhr ankommen, sondern haben noch zwei Stunden mehr Zeit um das jetzt immer bessere Wetter zu genießen.

Let the sunshine in“ aus „Hair“ ist die wenig originelle, aber nichtsdestoweniger perfekte Liedauswahl für die epische Abfahrt nach Aouste. Ich schmettere aus vollem Herzen diese Hymne an das Glück in die wunderbare Landschaft. Nochmals hauen wir uns an einer Picknickstelle Kalorien für die anstehenden letzten Buckel in den Bauch, argwöhnisch beäugt vom Nachbarshund. Die nächsten sechzig Kilometer halten bei Sonne und mehr als zwanzig Grad noch ein paar mörderische Kotzrampen und quälend lange Anstiege auf breiten Straßen bereit. Außerdem statten wir beinahe jedem am Wegesrand liegenden Lebensmittelladen einen Besuch ab. Genau kriege ich das nicht mehr mit, ich denke von Anstieg zu Anstieg und bin nur darauf bedacht, meinen Energiehaushalt stabil zu halten.

Am allerletzten Buckelchen überholt uns noch Manuel. Am ganzen zweiten Tag sehen wir also nur zwei Mitstreiter. Wir fragen uns, wo wohl die anderen sind. Ob sie den Hotelaufenthalt übertrieben haben? Aber erstmal genießen wir die Schlussabfahrt nach Nyons. Über 38 Stunden haben wir uns geplagt und jetzt empfängt uns die Provence mit warmer Luft, ihren wunderbaren Düften und einer triumphalen Schussfahrt bis direkt ins Ziel.

Als wir endlich da sind und absteigen dürfen, ist die grauslige Nacht schon wieder weit weg und halb vergessen. Es ist tatsächlich noch nicht einmal eine Handvoll Fahrer angekommen. Bei unserem Schneckentempo und den vielen Pausen sind wir sehr verwundert. Ein gutes Dutzend Randonneure trudelt dann doch noch während der nächsten zwei Stunden ein. Viele konnten sich nur schwer von Ihren kuschligen Betten trennen. Sehr verständlich!

Alle setzen sich zusammen, teilen das Erlebte und sprechen in vollen Zügen dem Angebot unseres Ankunfts-Restaurants zu. Die Jungs dort haben alle Hände voll damit zu tun, unsere hungrigen und durstigen Mägen anständig zu verpflegen. Wir sind jetzt nach mehr als 610 Kilometern in Nyons angelangt und das Brevet und dieser Bericht hätten ein würdiges Ende gefunden.

Aber immer noch befinden wir uns ungefähr vierzig Kilometer von Bédoin entfernt , unserem eigentlichen Ausgangspunkt für die Mont-Ventoux- Bezwingung. Gemütlich bewegen wir uns am nächsten Tag dorthin und den Samstag vertreibt sich die Randonneurs-Schar mit Radtouren durch die Hügel und Schluchten der Provence und natürlich mit ausführlicher Nahrungsaufnahme.

BRM600 2018Für Sonntag ist tolles Wetter für den Ventoux angesagt. Tags davor hatte es wohl minus zwei Grad und einen kleinen Schneesturm am Gipfel. Die Auffahrt gestaltet sich recht angenehm. Fast keine Autos, perfekte acht Grad und wenig Wind. Da Ostersonntag und Kaiserwetter ist, sind in Summe aber doch recht viele Menschen am Chalet Reynard. Die Straße ist bis zur Schranke geräumt. Danach kann man noch ein paar Meter mit dem Rad fahren, dann gewinnt die Schneedecke. Bei 1.600 Höhenmetern stelle ich mein Rad zu Armins geparktem Boliden und mache mich mit meinen Radschuhen auf den Weg in Richtung Gipfel. Bald treffe ich auf Walter, einen der Freiburger Organisatoren. Er hat sich auf den Rückweg gemacht und sagt mir, dass es noch fast vier Kilometer zum Gipfel seien. Also hin und zurück acht. Armin und Stutz seien losmarschiert. Ich verabschiede mich von ihm und nehme mir vor, den beiden ein Stückchen entgegen zu marschieren und dann umzudrehen und gemeinsam runterzuwandern. Das Wetter ist herrlich, die Sicht außerirdisch und es geht fast kein Wind. Trotz der Radlatschen komme ich auf dem festen Schnee überraschend gut vorwärts. Das macht richtig Spaß. Am Kilometerstein zwei vor dem Gipfel ist mir klar, dass ich es bis ganz oben durchziehen werde. Die Konditionen sind phantastisch, mir geht es richtig gut und ich weiß, dass ich es sehr bereuen werde, wenn ich diese Chance auf ein solch außergewöhnliches Erlebnis nicht ausnutze. Sobald eine kleine Brise aufkommt, wird mir wieder bewusst, wie ungewöhnlich die Situation ist. Würde der Wind nur zehn Minuten in normaler Stärke wehen, müsste ich sofort umkehren, denn in den verschwitzten Radklamotten kühlt man binnen Minuten aus. Es kommt aber nur manchmal ganz kurz ein Lüftchen auf. Das halte ich gut aus. Direkt unter dem Gipfel kommen mir dann Stutz und Armin entgegen und ich traue meinen Augen nicht. Stutz hat sein Rennrad bis ganz nach oben geschoben, „weil das Rad einfach dazugehört“. Außerdem „ist das hier wie daheim im Schwarzwald, nur ein bissle schlechter geräumt!“

Mein Tübinger Mitfahrer kommt mir in kurzer Radhose entgegen. Die Beinlinge waren ihm zu warm. Verrückte Hunde! Was wohl die beiden Tourenskifahrer denken, denen ich kurz darauf auf den letzten Metern zum Gipfel begegne?

Heute haben wir wirklich einen absoluten Volltreffer gelandet. Die Luft ist glockenklar und die Sicht schlicht atemberaubend. Die kompletten Seealpen bis zum Mont Blanc reihen sich vor mir auf. Es ist komplett windstill. Die ganze Anstrengung der letzten Tag ist wie weggewischt. Der Gipfel gehört mir allein. Das ersehnte Traumziel der endlosen Regennacht ist erreicht. Wir haben es geschafft! Einmal im Leben passt alles zusammen.

BRM600 2018

Ich kann mein Glück kaum fassen.

Übrigens: Die Nummer eins meiner Hirnhitparade während der ganzen Tour war der Titel „No surrender“ (Aufgeben gibt’s nicht) von der brandneuen Judas-Priest-Scheibe. Platt, aber ungeheuer wirksam.