In Dubio pro Homologation – Bölchen-Brevet I

Autor

Claude Kuhnen

Datum

08.05.2019

Schon die Vorzeichen für meinen zweiten 300er waren bedenklich. Laut meiner bisher recht treffsicheren App sah es zunächst lange so aus, als würde es am Samstag trocken bleiben, je näher der Termin rückte, desto besorgniserregender sahen aber die Niederschlagsmengen aus. Stundenlangen Regen kalkulierte ich daher ein, auch fiesen Westwind im Balsthal (wo ich 2018 Rückenwind empfand). Beim Start ging ich dennoch von einigen, wenigen Gewissheiten aus, nämlich, dass wir unterhalb von 1000m keinen Schnee sehen würden und dass es spätestens ab 20:00 Uhr mit den Niederschlägen vorbei sein sollte.

Der Morgen verlief wie geplant, frühes Aufstehen, eine Schale Bircher Müsli und zwei Kaffee nahm ich zu Hause ein und hatte noch ausreichend Zeit, die Zeitung zu lesen, bevor ich die 15 Minuten zum Augustiner radelte, wo ich um 7 Uhr eintraf und mir ein zweites, gewohnt leckeres Frühstück gönnte.

Der Start um 8:10 verlief entspannt, in einer 25 Personen starken Gruppe rollten wir durchs Hexental und ins Münstertal, wo uns der bekannte Anstieg zum Haldenhof keine Probleme bereitete. In der Abfahrt setzte dann sofort der erste, teils heftige Regen ein, der uns bis kurz vor Schopfheim begleitete. Mühsam quälten wir uns nach Wiechs und Dossenbach hoch, ab da sehnte ich schon den ersten Stopp in Bad Säckingen herbei, wo sich die Ersten im REWE schon mit frischen Socken eindeckten, der Regen aber eine Pause einlegte.

ChilchzimmersattelNach ausgiebiger Zuckerzufuhr setzten wir die Fahrt über die historische  Holzbrücke über den Rhein fort. Immer noch trocken ging es über zwei Zwischenanstiege im Aargau steil hinauf zum Berghaus Oberbölchen, wo fair kalkulierte Spaghetti Bolognese auf uns warteten. Meinen lässig mit dem Kommentar „Ihr habts neue Banknoten, gell“ rübergeschobenen 10-Franken-Schein konterte der Hüttenwirt mit dem Kommentar „Das ist ein Tankgutschein“. Zum Glück hatte ich auch noch echtes helvetisches Geld, keine Ahnung, wer mir wann diese „Blüte“ untergeschoben hat.

Mit Wiederbesteigen der Räder fing es auch wieder an zu regnen, was auf den letzten steilen Rampen zum Chilchzimmersattel allerdings noch keine große Rolle spielte, zu stark war die Verwunderung über die unvermittelt zweistelligen Steigungsprozente. Etwas nervig wurde dann der erwartete Gegenwind im langen Balsthal, das sich uns ebenso grau präsentierte wie die gesamte Landschaft zuvor. Doch leider blieb es nicht bei den Grautönen, denn kurz hinter Moutier begann es mitten im Anstieg nach Les Ecorcheresses heftig zu schneien. Der Boden war zum Glück wärmer als die Luft, so dass Glätte zunächst kein Problem war. Die kurze Abfahrt von der Passhöhe zur Homologation in Souboz stellte mich bereits vor erste Entscheidungsschwierigkeiten, sollte ich durch die verschneite Brille schielen oder drüberlinsen um ständig Schneeflocken auf die Pupillen zu bekommen?

Meine Finger waren, nur durch einfache Fleecehandschuhe geschützt, schon ziemlich durchgefroren, ich hatte allerdings noch ein As in Form von Handwärmern im Ärmel bzw. der Satteltasche. Diese Einwegdinger aus dem Drogeriemarkt stopfte ich in den völlig durchnässten Handschuh und platzierte sie unbeholfen auf meinen Handrücken und obwohl ich sie die folgenden sieben Stunden nie als richtig warm empfinden sollte, spürte ich sehr schnell das Gefühl in meine Fingerspitzen zurückkehren.

In dichtem Schneegestöber ging es nun nur noch darum, irgendwie die 21 km bis Délémont zu schaffen, um uns dort aufzuwärmen.

Was dann in der „Bar Diagonale“ in Délémont folgte, hatte etwas Surreales. Zu dritt betraten wir zitternd den gutbesetzten Raucherbereich des unschuldigen Etablissements, um sogleich den durch Verglasung abgetrennten und ziemlich verwaisten Nichtraucherbereich aufzusuchen. Helme und Regenjacken waren noch nicht richtig abgelegt, da stand der Boden schon unter Wasser, dass es mir - einen funktionierenden Stoffwechsel vorausgesetzt - die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Ohne meine Brille begab ich mich auf der Suche nach einer Toilette ins loungige Untergeschoss, wo ich mich im schummrigen Licht am liebsten flach auf den Boden gelegt hätte. Mit warmem Wasser taute ich Hände und Gesicht auf und versuchte, meinen durchnässten Schädel in das Dyson-Imitat von Händetrockner einzuführen, was mir nur teilweise gelang. Mit Hilfe von obskuren Handgesten schaffte ich es aber immerhin, den Luftstrom auslösen und teilweise in Richtung meiner Fontanellen zu kanalisieren.

Als ich die Treppe zum Erdgeschoss wieder hochkam, stand ein mir unbekannter und offenbar prächtig aufgelegter Randonneur aus der Schweiz mit freiem Oberkörper vor mir, der mir die Frage „Ischd do undde’s Klo?“ entgegenrief. Er gehörte zu einem Quartett von Eidgenossen, das sich in der Folge unter anderem durch virtuoses Zusammenknüllen von Zeitungspapier und Ausstopfen durchnässter Funktionskleidung auszeichnete, eine Szenerie, die ich nun gutgelaunt bei einem Glas Kamillentee beobachtete.

Derweil wurde an unserem Dreiertisch der Plan gefasst, ein Fahrzeug zur Abholung zu organisieren. Mit kokettem Augenaufschlag wurde mir überdeutlich signalisiert, dass auch ich bzw. mein Rad noch ins Fahrzeug passten. Die Situation war heikel. Ich musste mich entscheiden, ob ich noch eine gute Stunde in Délémont im warmen „Diagonale“ in feucht-fröhlicher Atmosphäre verbringen und mich mit Roderich heimkutschieren lassen sollte oder noch 120 km in feucht-ernster Atmosphäre mit Marcus weiter dem sicheren Verderben entgegenzuradeln. Eine schwierige Gewissensentscheidung, die ich zunächst vertagte…

Irgendwann waren gefühlt um mich herum alle barfuß und genossen den warmen Fußboden. Bei mir stellte sich eine Fin-de-siècle-Stimmung ein, in kurzen wirren Tagträumen meinte ich, Absinthgeruch zu vernehmen. Oder war das nur Schweißgeruch? Am Nachbartisch wurde derweil – ob der Wärme von unten - über eine Fußbodenheizung spekuliert, während ich mich an die Schilderungen von Jon Krakauer erinnerte, der im Himalaya beobachtet hatte, wie Erfrierende sich ihrer Klamotten entledigt hatten, weil sie nicht mehr zwischen Heiß und Kalt unterscheiden konnten. War es auch bei uns schon soweit? Konnte ich mich noch auf mein thermisches Urteilsvermögen verlassen? Um sicherzugehen, begab ich mich abermals ins Untergeschoss, um meine Füße einem Test zu unterziehen. Mit der Ferse nur notdürftig den Ablauf des Waschbeckens blockierend wusch ich sie mit warmem Wasser und Seife, um sie dann in maximal graziler Weise sogleich quer in den kräftigen Händetrockner zu stecken, der seinen Job tadellos verrichtete.

Mit frischen Socken an den Füßen, einer trockenen, extrawarmen Helmmütze auf dem Schädel und nach dem Genuss eines leckeren Cappucchino war der Entschluss gefallen, die Tour fortzusetzen und so machten wir uns nach knapp 1,5 Stunden und noch rechtzeitig, bevor „DJ Jack“ seinen Gig im diagonalen Souterrain begann, zu zweit auf die restlichen 120 km nach Freiburg.

Dass uns noch zweieinhalb ordentliche Anstiege bevorstanden war uns eigentlich nach dem Studium des Höhenprofils klar, nicht aber, wieviel Schnee es aber auf diesen letzten Jurahöhen haben würde. Die Schneebruchgefahr war immens, Äste bogen sich bereits gefährlich und junge Bäume teilweise quer über die Straße.

Bereits in Frankreich trafen wir auf dem letzten Anstieg im Jura, zwischen Kiffis und Raedersdorf Philip und Martin, die wir bis Bettlach begleiteten, wo die beiden in einem Haltestellenhäuschen eine Vesperpause einlegten und die endgültig letzte Kuppe auf uns wartete. Wir waren heilfroh den mittlerweile im Dunkeln liegenden Sundgau zu erreichen, im Osten waren die Lichter von Basel zu erkennen und auch der Euro-Airport strahlte sein künstliches Licht in den Abendhimmel. Der Regen hatte endlich aufgehört und halbwegs warm kurbelten wir stetig weiter nach Norden und erreichten auf der Höhe von Kembs den Rhein. Für die Heimreise entlang der Rheinschiene war morgens noch teilweise starker Westwind angesagt gewesen, wovon wir nichts mehr spürten. Die verbleibenden 70 km ohne Gegenwind und vorerst ohne Regen zurückzulegen tat gut und abgesehen von einem ganz kurzen Stopp am Ortsausgang von Kembs, bei dem wir von den aus dem „Diagonale“ bekannten Schweizern sowie Philip und Martin überrundet wurden und es dummerweise wieder zu nieseln anfing, hielten wir bis Hartheim nicht mehr an.

Bei Aral gab es außer der ersehnten Homologation Apfelschorle, Schokoriegel und wie ferngesteurt griff ich in die Tiefkühltheke und reichte dem gutgelaunten Kassierer auch ein „Magnum“, aus irgendeinem Grund hatte ich wohl Lust auf weitere Erfrischung. Im Autohof wärmten wir uns fast eine halbe Stunde auf um die letzten Kilometer bis Freiburg anzusteuern.

Im „Augustiner“ trafen wir um 1:20 glücklich ein und ließen dies sogleich beurkunden. Leider waren meine Stimmbänder so angegriffen, dass mir der Sinn nicht mehr nach einem Abschlussbier mit den anderen, glücklich versammelten Randonneuren stand, zumal zu Hause nicht nur meine Familie, sondern auch eine frisch zubereitete Wärmflasche warteten.