Bodensee-Brevet 2019

Autor

Claude Kuhnen

Datum

23.05.2019

„Hochspannung“ beschreibt wahrscheinlich am besten das Gefühl, das ich vor meinem ersten 400er Brevet hatte.  Nach den Erfahrungen des kalten, verschneiten Bölchen-Brevets zwei Wochen zuvor (siehe Bericht auf dieser Seite) war ich immerhin davon überzeugt, dass es eigentlich nicht schlimmer kommen könne, denn die diversen vor der Abfahrt konsultierten Wetterprognosen waren sich immerhin darin einig, dass dieses Mal keine Erfrierungen an den Extremitäten drohten. Genauso einig waren sie sich allerdings darin, dass mit beträchtlichen Niederschlägen und möglicherweise Gewitter zu rechnen war.

Nach dem letzten 300er hatte ich so ein merkwürdiges Ziehen oberhalb der Kniescheiben verspürt. Würden meine Knie während der Tour vielleicht zum Problem werden? Würde ich die stundenlange Fahrt im Dunkeln ohne Halluzinationen durchhalten? Oder würde ich bereits bei Einbruch der Dunkelheit vor Erschöpfung und möglicherweise dem Hungertod oder zumindest dem Hungerast nahe in Beuron um Aufnahme in den dortigen Benediktinerorden ersuchen müssen?

Das waren so die Themen, die mich am frühen Morgen auf meinem Weg in den Augustiner beschäftigten. Dort waren die bangen Fragen aber erstmal wie weggeblasen, das gemeinsame Frühstück sorgte wie immer für willkommene Ablenkung und führte zum Wiedersehen mit einigen bekannten Gesichtern, die sich aber allesamt für den Vogesen-Brevet angemeldet hatten. Wegen drohender Lebensmittelunterversorgung zu später Stunde war dieser für mich von Anfang an keine Option gewesen, zumindest nicht bei meinem „Premieren-400er“.

Nach gewohnt launiger Ansprache durch Urban konnte es bei milden Temperaturen und leichter Bewölkung losgehen. Den Anfang empfand ich als unverdient zäh, auch wenn ich aus der Stadt eigentlich noch ganz gut weg kam und am Ende der Kartäuserstraße Heiko und Aynur traf, die aber an der Abzweigung vor Wagensteig eine kurze Servicepause einlegten. Es rächte sich, dass ich die Spirzenstraße bisher immer nur heruntergefahren war, mir hilft es immer ungemein, die ersten Anstiege zu kennen, um meine Kräfte entsprechend zu dosieren. Von dosieren konnte aber dieses Mal keine Rede sein, es galt nur, irgendwie den verdammten Berg hochzukommen und dementsprechend langsam kroch ich den Thurner dann auch hoch. Tatsächlich sollte ich diesen ersten Anstieg als den mit Abstand unangenehmsten des ganzen Tages empfinden.

BräunlingenSobald wir den Thurner und die um diese Tageszeit nicht sonderlich belebte B500 hinter uns gelassen hatten, wurde es idyllisch und es ging in die Abfahrt über Waldau und Langenordnach gefolgt vom überraschend knackigen Anstieg nach Schwärzenbach, wo nach etwa 200 hm mit ca. 1050 m der höchste Punkt der gesamten Strecke erreicht wurde.

Mittlerweile waren erst 40 km gefahren, 90% der Strecke lagen noch vor mir und ich versuchte meinen Verstand damit zu beruhigen, dass ich immerhin schon 20% der Höhenmeter hinter mich gebracht hatte und die erste Homologation und damit Zuckerwerk aus Bäckershänden unmittelbar bevorstanden.

Auf die Bäckerei Schmid in Bräunlingen war in dieser Hinsicht Verlass und ich stärkte mich ausgiebig. Praktischerweise bekamen wir unsere Homologationsstempel bereits außen vor der Bäckerei von einer überaus freundlichen älteren Dame - gerüchteweise eng verwandt mit dem Herrn Streckenchef – die meine Ankunftszeit (10:59 Uhr) penibel mit ihrem Smartphone überprüfte und ins Heft eintrug.

SchaffhausenAnschließend ging es bei zunehmendem Sonnenschein über teils allerkleinste Straßen über die Baar als ich an einem kurzen Anstieg in Riedöschingen zu einem vor mir pedalierenden Randonneur namens Jonas aufschließen konnte. Zusammen mit Jonas ging es weiter ins deutsch-schweizerische Grenzgebiet, wo wir nach kurzer Verwirrung im trubeligen Schaffhausen über einen Busparkplatz die ersehnte Touristeninfo am Rheinfall erreichten, wo wir uns nach 102 km um 13:02 Uhr den zweiten Stempel abholten.

Schon am Ortseingang von Schaffhausen hatten wir an einer Kreuzung mit Andreas einen weiteren Randonneur aufgegabelt, an der Touri-Info entdeckte ich Jan aus Stuttgart, den ich flüchtig vom 200er Brevet kannte. Jan war zwar nach später Anreise am Freitag und der aufwändigen Reparatur einer mitternächtlichen Panne leicht übernächtigt, ließ sich aber nichts anmerken und verstärkte unser Trio auf den folgenden 300 km, was sich sehr bald auszahlen sollte, da wir auf dem Weg nach Konstanz mit Gegenwind zu kämpfen hatten. Insgesamt lief dieser Abschnitt aber flüssig, u.a. weil wir an einem Ampelstopp von Heiko und Aynur eingeholt wurden und uns so zu sechst im Wind abwechseln konnten.

OberschwandorfIn Konstanz machten wir uns nicht die Mühe, die Innenstadt aufzusuchen und legten eine etwa 50-minütige Pause in einem Etablissement namens "Côte d'Azur" ein, passenderweise direkt am Rhein im Schatten der Schänzlebrücke gelegen und angemessenes Vereinslokal des lokalen Kraftsportvereins Rheinstrom Konstanz e.V. Dort machten wir es uns auf den Monobloc-Stühlen draußen bequem, bestellten Spaghetti Bolognese, Cola und Radler, während es Heiko und Aynur nach einem schnellen Kaffee weiterzog und wir uns mit den beiden lose am nächsten Stopp in Beuron verabredeten.

Drinnen wie draußen waren mehrere Fernseher eingeschaltet, der Anpfiff zum letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga stand bevor, während wir unsere Pasta verspeisten. Noch rechtzeitig bevor die vor den Flachbildschirmen versammelten Bayern-Fans ob der baldigen Meisterschaft in Extase geraten konnten, packten wir zusammen und es ging bei Sonnenschein von Konstanz auf kleinen und kleinsten Straßen - allermeist mit feinstem Belag überzogen - auf und ab in den Hegau.

Überraschend für mich war, wie wenig dort aber eigentlich den ganzen Tag über auf den Straßen los war, gerade am Bodensee hatte ich auch angesichts des noch immer guten Wetters mit deutlich mehr Verkehr gerechnet.Mitte Europas

Langsam nahm die Bewölkung zu, wir alle hatten die Prognosen im Kopf, vermieden aber allzu neugierige Blicke in den Himmel. Ich war schon froh, dass wir die erste Hälfte trocken überstanden hatten. In Oberschwandorf füllten wir an einem Brunnen unsere Trinkflaschen, und waren überrascht, angeblich in der Mitte Europas zu stehen, ein Sachverhalt, den zumindest Wikipedia völlig anders beurteilt.

Die Strecke wurde zusehends hügeliger, der Abschnitt bis zur 4. Homologation in Beuron (nach 220km) zog sich ewig. Die Abfahrt hinunter ins Donautal war aber der pure Genuss der für einige Mühen entschädigte. Wunderbare Kurven, schmale Straße in tadellosem Zustand und ein angenehmes Gefälle. Im Café Härtl gab es Apfelkuchen, Cola und Kaffee, meine Kollegen aßen noch Flädlesuppe und so machten wir insgesamt 45 Minuten Pause, bevor wir die gefürchteten 90 Kilometer nach Freudenstadt angingen, mit ca. 1300 hm noch einmal eine echte Herausforderung.

Die ersten ca. 30 km blieb es noch trocken, erst am Lochenpass, den wir pünktlich zum Sonnenuntergang erreichten, begann es in der Abfahrt mit zunächst noch sehr vereinzelten Tropfen und regnete sich bis Balingen ordentlich ein. Besonders heftig war es in Sulz am Neckar und den verschiedenen kleineren Abfahrten, wo die Nässe dann auch ordentlich von unten kam und das Wasser bald in meinen Schuhen stand.

Erst kurz vor Freudenstadt ließ der Regen nach, wir kamen völlig durchnässt kurz nach Mitternacht im dortigen McDonalds an, wo wir uns vor allem salzige Pommes einbauten, homologiert wurde dann pflichtgemäß an der AVIA-Tankstelle ein paar hundert Meter weiter um 1:01 Uhr.

In den nassen Klamotten weiterzufahren war hart, ich hätte mir noch eine frische Hose anziehen können, war mir aber sicher, dass diese eh bald wieder nass werden würde. Draußen hatte es trotz der späten Stunde immerhin noch 10 °C aber auf den ersten Metern froren wir ordentlich, bis wir in den vorletzten Anstieg kamen. Ab dann war Kälte aber kein Thema mehr, selbst auf der folgenden Abfahrt nicht.

TieringenMit den Ausläufern von Freudenstadt hatte der Verkehr schlagartig nachgelassen, die Straßen waren menschenleer. Durch die Wolkendecke drang gedämpftes Vollmondlicht, was die Orientierung erleichterte und den dichten Wald noch einmal deutlich mystischer erscheinen ließ.

In Wolfach (wo ich als Plan B einen kurzen Schlaf im Vorraum der örtlichen Bank neben dem Geldautomaten vorgesehen hatte) begegneten uns noch zwei junge Radler aus Frankreich, die sich als Teilnehmer der „Hamster Classique 2“ herausstellten, einer Langstreckentour über 440 km und 6.000 hm, die insgesamt 30 Teilnehmer*innen auf mehreren verschiedenen Strecken durch Vogesen und Schwarzwald führt.

Schon vor Wolfach hatte Jan über Müdigkeit geklagt und war langsam zurückgefallen, bis ihm Andreas Red Bull verabreichte und Jan umgehend Vollgas gab, bis sich sein rotes Rücklicht bald vor uns verlor. Ich war sprachlos, welche Reserven die paar Schlucke Energydrink bei ihm hervorgeholt hatten.

Sein Antritt ließ vermuten, dass sein Puls beängstigende Werte erreicht hatte und so befürchtete ich, Jan entweder irgendwo mit Herz-Rhythmus-Störungen im Graben zu finden, oder völlig ausgepowert im kurz bevorstehenden Anstieg zum Büchereck Schlangenlinien fahren zu sehen.

Wir fuhren unbeirrt flüssig weiter, während es wieder stärker zu regnen begann. Nach wenigen km sahen wir dann auf Höhe der Vogtsbauernhöfe Jans Rad am Straßenrand stehen, als derselbe auch schon schneidig aus einem Haltestellenhäuschen hervorhüpfte, in das er sich kurz hingelegt hatte.

Es wartete der finale Anstieg aufs Landwasser- bzw. Büchereck mit bis zu 15% Steigung, dessen Passhöhe wir um Punkt 3:30 erreichten. Die angeblich bis zu 18% steile Abfahrt, in der wir Heiko und Aynur wiedertrafen, war die verdiente Belohnung, die ich trotz Dunkelheit und wieder einsetzendem Regen genießen konnte.

zurück im AugustinerAuf den nächsten 40 km regnete es dann erst mal wieder in Strömen, die Ortsdurchfahrten zwischen Oberprechtal und Waldkirch waren bei dem starken Regen unangenehm zu fahren. Dennoch gaben wir nochmal richtig Gas und nach kurzen Orientierungsschwierigkeiten bogen wir auf den Radweg nach Gundelfingen ein. Der Regen ließ kurz vor Gundelfingen nach, die letzten Tropfen fielen irgendwo in der Zähringer Straße und so kamen wir in einigermaßen zivilisiertem Zustand um 5:15 Uhr zum Kehraus im „Augustiner“ an, wo sich unsere Wege nach der finalen Homologation trennten.

Dass ich die paar allerletzten km nach Hause schon wieder im Tageslicht zurücklegen konnte, empfand ich als Belohnung für eine denkwürdige Tour, von der ich drei Viertel als Teil einer wunderbar entspannten Vierergruppe fahren durfte. Vielen Dank dafür an Jonas, Andreas und Jan!

Ein ganz großes Lob und vielen Dank für die Organisation geht an Walter und Urban. Die Streckenführung war schlichtweg genial, wir konnten stellenweise kaum glauben, wie wenig Verkehr unterwegs war.