Das Brevet - die Prüfung

Autor

Philip Hinüber

Datum

10.04.2018

Bericht zum Mont-Ventoux-Brevet 2018

Wochenlang- ehrlich gesagt: monatelang hatte ich auf dieses Brevet hingefiebert: 600km von Freiburg zum Mont Ventoux als Saisoneröffnung im März.

Keine alltägliche Tour, aber nach den Teilnahmen und den damit verbundenen Erfahrungen in den letzten Jahren, besserem Trainingszustand und der Ankündigung, dass die Strecke dieses Mal spektakulär flach verlaufen sollte, auch keine Schinderei - wäre man verleitet, zu denken. Aber: Als Randonneur sollte man auch vor 200km Brevets bei Sonnenschein Respekt haben, und genau damit war ich auch diesmal gut beraten. Denn es wurde zumindest eine kleine Schinderei.

Der Start war auf 5 Uhr im Augustiner Freiburg geplant. Eine halbe Stunde vor dem Wecker wurde ich um 03:30 Uhr zu Hause wach und war wenig später im Augustiner. So früh, dass ich das erste Mal mit Walter und Urban sogar noch frühstücken konnte. Das Augustiner war für die miserablen Wetterprognosen gut gefüllt wie ich fand. Ungefähr 40 Starter von 56 Anmeldungen sollten sich wenig später auf den Weg machen. Ich aß ein wenig vom tollen Frühstücksbuffet und war gegen 04:30 Uhr fertig zur Abfahrt.

Die Stimmung gefällt mir inzwischen gut kurz vor dem Start. Man spürt die Aufregung und Nervosität, dass etwas großes in der Luft liegt. Trotzdem lässt sich kaum jemand etwas anmerken und geht jeder geschäftig letzten Vorbereitungen nach.

Nach der obligatorischen Ansprache durch Urban und Walter, die wie immer sehr viel Herzblut und Aufwand in die Organisation und Veranstaltung steckten, geht es um kurz nach 5 Uhr los. Obwohl es hier normalerweise kein Halten gibt, steht die Herde diesmal noch einige Minuten lang fertig abfahrbereit auf dem Bürgersteig, obwohl der Start freigegeben ist. Es scheint, als ob sich noch keiner so recht trauen würde, den ersten Schritt Richtung Provence machen zu wollen. Schließlich schickt Urban das Peloton auf die Reise.

Schnell kehrt die immer wiederkehrende Hektik und Nervosität der Startphase eines Brevets ein: Die große Gruppe um mich formiert sich, Angst geht um, den Anschluss zu verpassen, Uneinigkeit zwischen Radweg und Straße als Fahrbahn. Ich halte mich aus Erfahrung zunächst defensiv ganz am Ende von der großen Gruppe und bin froh, als ein Teil auf den Radweg neben der Bundesstraße abbiegt. Zwischen Bad Krozingen und Heitersheim wähle ich später als einziger den Radweg auf der linken Straßenseite und bin dadurch alleine unterwegs. Bei Grießheim nehme ich Tempo raus, da der Gegenwind stark ist und ich hinter mir eine kleine Gruppe auf mich aufschließen sehe. Es ist Walter mit Matthias, Michi und 2 weiteren Randonneuren, denen ich mich anschließe. Wir rollen im gegenseitigen Windschattenwechsel die mir gut bekannten Wege durch Mulhouse entlang des Eurovelo 6 immer am Rhein-Rhone-Kanal. Gegen 9 Uhr setzt der Regen ein. Walter und ich halten an, um die Regenjacken überzustreifen. 1km nach uns holen wir die anderen vier ein, die ebenfalls zum Regenstop angehalten haben. Da man jetzt bereits erahnen kann, dass dies kein kleiner Schauer sein wird, legen wir gleich die ganze Garnitur an: Regenhose, Regenkappe und noch Einmalhandschuhe über meine schon dünne Handschuhkombination, da ich meine vorgesehenen Tourenhandschuhe vor der Tour nicht hatte finden konnte.

Gut, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass ich die Regenkleidung erst 27 Stunden später wieder ausziehen sollte.

So ging es weiter dahin, die Stimmung weiter gut, Stille, keine Konversation, harmonische Führungswechsel vorne im Gegenwind, der mit dem Regen noch weiter zunahm - von mir aus hätte es lange weiter so gehen können.

Nachdem ich bei meiner inzwischen 10jährigen Breveterfahrung bisher zwar nicht von Pannen, aber immerhin von platten Reifen verschont wurde, änderte sich dies nun. Bei den vielen Brückenunterquerungen und engen Kurven am Kanal entlang wurde mein Lenkgefühl weicher. Ein kurzen Auftitschen des Vorderreifens brachte mir die lästige Gewissheit: Druckverlust vorne. Ich gab Walter Bescheid, dass sie ohne mich weiter fahren sollten und machte mich an die Reparatur. Alles lief nach Plan, ein netter Franzose bot noch seine Hilfe an. Einziges Manko: Vor der Tour entfernte ich noch den 3. Ersatzschlauch und einen Ersatzmantel von der Ausrüstung, die ich zuletzt immer mit mir führte. Nicht so schlimm zunächst, auch wenn es Schöneres gibt, als am Stadtrand von Montbeliard im Regen den Schlauch zu wechseln.

Auf das Rad, weitergefahren und nach ca. 900m entwich mit einem lauten Pfeifen diesmal beim anderen Reifen, hinten, die Luft. Jetzt konnte ich mir ein lautes Fluchen nicht mehr verkneifen.

Aber, was tun? Ohne lange nachzudenken: Reifen ausbauen. Hinten ein scharfer Stein im Mantel, dieser auf einem halben Zentimeter millimeterweit aufgeschlitzt. Ich legte einen Flicken von innen in den Mantel, währenddessen überholten mich einige andere Randonneure. Immer wieder bekam ich Hilfe angeboten und war froh um Thomas, der mir einen Ersatzschlauch mitgab, da ich nun schon 2 Schläuche verbraucht hatte und nur noch Notflicken mit mir führte.

Immerhin tat die Pumpe ihren Dienst, wenn es auch keinen Spaß macht, im Regen mit der Minipumpe mehrere Bar in den Reifen zu bekommen.

Ich war ganz beruhigt, dass ich trotz der 2 Pannen, die mich längere Zeit gekostet hatten, offensichtlich noch nicht den Anschluss verpasst hatte. Nach einer Weile ging es mit Michi, Andreas und Armin weiter, später mit Thomas, Selmar und Frank.

Mit Thomas und Selmar war ich schon öfter zusammen gefahren und wusste, dass wir vom Rhythmus gut harmonierten. Also bewegten wir uns nun zu viert durch das verregnete Franche-Comté. Bei km 200 in Besançon konnte ich mich mit Ersatzteilen eindecken und kaufte 3 Schläuche und einen Ersatzmantel nach. Michi hatte mir unterwegs netterweise noch mit seiner CO2 Pumpe ausgeholfen und hier im Radladen konnte ich nun auch vorne wieder bequem 6 bar aufpumpen.

BRM600 2018Weiter ging es durch die tolle Landschaft. Unerwähnt kann der Regen bleiben, der er spielte für mich irgendwann keine große Rolle mehr: Das hatte ich schon mal erlebt, bei einem 300er war mir die Kette im strömenden Regen gerissen und ich war damals nach der Reparatur so froh, dass mein Rad wieder funktionierte, dass mir der Regen dagegen nicht mehr so wichtig war.

Es war nun trotz dicker Überschuhe, Mütze, Regenkappe, Regenkleidung und Handschuhen sowieso alles nass und feucht. Alles war nun eine Konsistenz, und auch daran konnte ich mich gewöhnen. Panta rei, wenn man es romantisch ausdrücken möchte. Natürlich wäre es mir zu diesem Zeitpunkt lieber gewesen, dass es aufhörte, aber daran war nicht zu denken.

In Besançon waren wir vom Eurovelo weg in Richtung Süden abgebogen und fuhren nun zwischen Jura und der Saone durchs nirgendwo. Das Departement du Jura und die damit verbundenen Juraausläufer begannen, aber zusammengefasst bestand die Landschaft nun aus wildromantischen Äckern und kleinen Dörfern sowie kleinen Waldstücken. Wir hielten an einem kleinen Supermarkt, der auf einmal wie aus dem nichts auftauchte. Unter der Markise redeten sich manche ein, der starke Regen würde nun weniger werden, aber kurz darauf wurde der Regen nur noch stärker und Wolkenbrüche gingen vom Himmel.

Auch auf der Anfahrt nach Lons-Le-Saunier nahm der Regen noch einmal in einem langen Anstieg wolkenbruchartig zu, dazu frischte der strenge Gegenwind nochmals auf. Die Szenerie aus dem steilen Anstieg, maximal vorstellbarer Niederschlag und der starke Gegenwind wirkte nun schon absurd inszeniert: Als ob jemand alle Schalter auf voll drehen würde um zu sehen, wer sich von den Bedingungen beirren lässt. Diese Vorstellung gefiel mir gut, so dass ich mit einem ungläubigen Lächeln weiter fuhr.

BRM600 2018Später gab es kurz etwas Unruhe in der Gruppe, andere wenige Fahrer kamen kurz zur Gruppe dazu und verließen diese wieder. Um 20:30 Uhr erreichten wir Lons-Le-Saunier bei km 270. Der ursprüngliche Plan, den Kebap-Imbiss im Ort aufzusuchen, wurde fallengelassen, als wir ein großen Grillrestaurant am Ortseingang erblickten mit Terasse und vielen anderen Randonneuren.

Wenn man die Szenerie hier aufmerksam beobachtete, konnte man mitbekommen, dass nun die Finisherquote des Brevets empfindlich litt: Im 10-Minuten-Takt erkundigten sich nun Teilnehmer am Tresen, ob es noch freie Hotelzimmer gäbe. Die Betreiber rieben sich die Hände und verkauften viele 70€ Zimmer in kurzer Zeit. Einige gingen mit dem hehren Plan ins Bett, nach wenigen Stunden wieder aufzustehen, um das 40-Stunden-Zeitlimit noch zu schaffen. Es sollte sich aber herausstellen, dass dies nur einem einzigen Teilnehmer gelang, der sich schon am späten Nachmittag hier ins Bett legte und gegen Mitternacht wieder aufbrach.

Ein Randonneur machte uns auf die schlechte Wetterprognose aufmerksam, dass es erst gegen 2 Uhr mit dem Regen aufhören sollte. Dies war eine absehbare Zeit, fand ich. Mir war wichtig, in Bewegung zu bleiben, damit nachts die Kälte nicht zusätzlich zur Nässe hinzukommt.

Da Franks Frontlicht und sein GPS streikten, machte er hier vernünftigerweise für die Nacht auch Pause und setzte seine Reise später in die Provence fort, wo wir ihn dann wieder trafen.

Selmar, Thomas und ich machten uns wieder fertig und wollten los. Allerdings: Mein Vorderreifen hatte nach 170km trotz neuen Schlauches wieder etwas Luft verloren. Die beiden waren so nett und geduldeten sich noch einen Moment. Ich wechselte vorsichtshalber den Schlauch unter der Terrasse bei Musik, statt später in der Dunkelheit bei Regen. Diesmal war abwechslungshalber wieder der Vorderreifen betroffen. Thomas lieh mir seine tolle Mini-Standpumpe, die ich mir nach dem Brevet auch zulegte, und es konnte kurz später, nach 2 h Pause insgesamt dort, um 22:30 Uhr weiter gehen.

Nun brach die Nacht an: Außer dass es nun dunkel war, war alles wie zuvor: Regen, Landwirtschaft und ausgestorbene französische Dörfer.

Gegen 1 Uhr nachts dann wieder ein lautes Zischen an meinem Hinterreifen und ein lauter Fluch von mir. Selmar und Thomas, die sich sicherlich besseres vorstellen konnten, als nachts mit mir im strömenden Regen anzuhalten, suchten für mich ein netten Plätzchen in der Ortsmitte, wo ich überdacht den 4. Platten beheben konnte. Die beiden boten mir wieder ihre Hilfe an, die ich in der Form von Thomas Pumpe dankbar annahm. Dann lehnten sich die beiden an der Steinwand im ausgetrockneten Brunnenbecken an und rasteten kurz, während ich diesmal Mantel und Schlauch austauschte. In diesem Moment war ich den beiden unendlich dankbar für den moralischen Beistand, nachts im Nirgendwo nicht alleine mit meinem kaputten Rad zu sein.

So ging es nach der nächsten Verzögerung weiter. Wie so oft bei einem solchen Brevet sind die nächtlichen Stunden vor allem ab 3 Uhr zwar unangenehm, trotzdem vergingen sie schnell und die Kilometer wuchsen zwar langsam aber stetig an.

Thomas als erfahrener Randonneur gönnte sich nun eine Schlafpause. Da Selmar und ich noch nicht müde waren und Sorge hatten, auszukühlen, fuhren wir zu zweit weiter und erreichten mitten in der Nacht um 03:30 Uhr die 3. Kontrolle bei km 370 in Amberieu-en-Bugy.

Kurz zuvor machten wir einen 15minütigen Powernap in einer Bushaltestelle, gegen 5 Uhr morgens wiederholten wir dies noch einmal an einem schönen Dorfplatz.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Regen aufgehört! Wir konnten es zunächst gar nicht glauben. Gegen 3 Uhr war es trocken und wir hatten uns schon ausgemalt, dass dies nun bis zum Ende des Brevets anhalten würde. Leider war dem nicht so, und gegen 5 Uhr ging der Regen beständig weiter.

Nach km 400 schickte mich Selmar alleine weiter, da er sich auch noch ein wenig hinlegen wollte und auf Thomas warten wollte. So ging es für mich nun alleine weiter bis nach Nyons.

Der Regen nahm mal zu und mal ab, hörte dann wieder kurz ganz auf. Irgendwann nahm ich es nur noch an den Tropfengeräuschen auf meiner Regenjacke wahr, ob es nun regnete oder nicht.

Nun kam der Berufsverkehr des Morgens auf, der äußerst unangenehm war. Die D522 kurz vor Bourgoin-Jallieu gegen 7 Uhr war ziemlich anstrengend und zum Glück nach einiger Zeit wieder vorbei. Nun gab es die ersten Anstiege des Brevets, die dafür wieder auf so ruhigen Straßen wie zuvor zu befahren waren. Eine Weile hatte ich auf den Hügelketten das Gefühl, im Kreis herum zu fahren. Anhand des Himmels konnte ich aber beobachten, dass es nur in Richtung Süden ging. Ca. 30km westlich von mir schien nämlich jetzt schon eine ganze Weile die Sonne, doch ich bewegte mich offensichtlich genau mit der Geschwindigkeit des riesigen Schlechtwetters etwas östlich dazu.

BRM600 2018Beim Eingang ins Vercors um 12 Uhr mittags endlich konnte ich nun anhalten und die mir nun zu warmen Regensachen alle bei kurz aufkommender Sonne verstauen.

Bei der Durchfahrt von St. Jean-en-Royans sah ich das erste Mal seit Längerem wieder einen Randonneur in einem Café.

Völlig beflügelt vom guten Wetter und des haltenden Reifendrucks seit über 100km preschte ich so schnell ich konnte in 90 Minuten den langen Anstieg nach Léoncel hoch. Weiter ging es für mich beschwingt die tolle Abfahrt in den Süden Frankreich hinten wieder hinunter nach Aouste-sur-Sye.

Ich wähnte mich schon fast am Ziel, aber die neue Route, die eine Erleichterung im Vergleich zu den letzten Jahren auf dem Weg nach Nyons darstellen sollte, stellte sich als ziemlich zäh heraus.

Auf den letzten Kilometern traf ich nun noch auf Armin und später auf Manuel.

Es war nun 19 Uhr und ich kurz vor der Einfahrt nach Nyons. Ca. 200km hatte ich gezittert, ob meine Reifen wohl durchhalten würden und bei jedem kleinsten Geräusch, egal ob vom Pedal und dem Berühren von Radhose an Rahmentasche, innerlich zusammengezuckt. Nun rechnete ich auf den letzten 10 und 5km jeweils nach, dass ich nun das Limit theoretisch auch noch zu Fuß schaffen würde.

Es kam die letzte Abfahrt ins Ziel, und ich malte mir bereits die Ankunft aus: Eine gesellige Runde aus Randonneuren in der bekannten Bar im Dorfkern. Fröhliches Zuwinken, Beglückwünschen zur tollen Tour, entspanntes Ausklingen lassen.

Diesmal war es anders: Ich kam herein, Roman war offensichtlich schon einige Zeit im Ziel. Sonst Andreas, der schon eine Portion Pommes gegessen hatte, mit Manuel und Armin. Sonst war niemand zu sehen. Ich erkundigte mich bei Andreas, ob die anderen schon im Hotel zum Duschen seien.

Andreas sah mich vielsagend an. Da wurde mir klar, dass sonst noch niemand da war. Aufgrund des näher rückenden Zeitlimits, inzwischen war es 19:30 Uhr, schwante mir Böses, was die Homologationen dieses Jahr betraf.

Zum Glück kamen bis um 21 Uhr noch einige andere Fahrer ins Ziel.

BRM600 2018Später herrschte dann die Mischung aus Erleichterung und Euphorie, die aufgrund der Strapazen von mir aber nicht ganz ausgelebt werden konnte. Vor allem aber eine tiefe Zufriedenheit.

Diese wurde noch verstärkt durch die anschließenden tollen Tage, die wir gemeinsam noch in Bedoin verbracht haben. Entspannte Tage auf dem Campingplatz in geselliger Runde, gemeinsame Abendessen im Restaurant in Bédoin, Cafébesuche am Marktplatz zu allen Uhrzeiten.

Am Ende die gemeinsame Fahrt von Bédoin bei besten Sonnenwetter mit Rückenwind und Abfahrt nach Avignon, wo ich nach einer Nacht im Hotel am nächsten Morgen mit Manuel, Michi und Theo den TGV zurück nach Mulhouse nahm.